Ist Schizophrenie heilbar?
Das ist nicht die Frage. Zielführender ist es, von Recovery zu sprechen — von Genesung als Prozess, nicht als Schalter, der von krank auf gesund umlegt. Niemand ist entweder das eine oder das andere. Es geht nicht darum, eine saubere Grenze zu gesunden Menschen zu ziehen, sondern um die Lebensqualität, die sich erreichen lässt.
Ich erzähle, wie sich eine Psychose von innen anfühlt — und erkläre das Denken, das diese Innenwelt lesbar macht. Schizophrenie ist nicht heilbar. Aber von Psychosen zu genesen, kann man lernen.
Psychosen haben eine genetische Komponente. Trotzdem lohnt der Blick auf den Lebensstil, auf das, was eine Person selbst in der Hand hat. Genau da wird aus Behandlung Befähigung.
»Vor wenigen Minuten war ich überzeugt, ich sei Bundeskanzler und müsse schnellstmöglich mein Kabinett zusammenstellen. Kein einfacher Job. Im nächsten Moment dachte ich, mein Körper bestehe aus Mais und ich müsse unbedingt verhindern, geröntgt zu werden, um nicht als ein Haufen Popcorn zu enden. Glücklicherweise hatte ich kurz zuvor auch die Weltformel entdeckt.«
Eine Psychose bringt viele Symptome auf einmal mit — Wahnvorstellungen wie diese gehören dazu. In meinem Buch ICH ist manchmal ein anderer habe ich das ganze aufgeschrieben: das Abgleiten, die Panik, den freien Fall — und den Weg zurück.
»Die eindringliche Beschreibung von Winklers Gedanken übt beim Lesen einen solchen Sog aus, dass man gut nachvollziehen kann, warum er in diesem Moment etwa davon überzeugt ist, die Weltformel gefunden zu haben.«
— Süddeutsche Zeitung
»Ein ebenso bewegender wie auch informativer Beitrag gegen die Ächtung und Ausgrenzung der Erkrankten.«
— NZZ am Sonntag
Verrückt — oder logisch?
Stell dir vor, dein Gehirn steht vor einer unmöglichen Wahl: eine Realität, die so schmerzhaft ist, dass sie dich zerstören würde — oder eine andere Welt, die nicht real ist, aber erträglich. Die Psychose ist dann nicht der Zusammenbruch. Sie ist der Sprung aus dem brennenden Haus.
Was können Angehörige tun?
Zwei Dinge, vor allem. Da sein — Stabilität ausstrahlen, ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Und ermutigen, sich professionelle Unterstützung zu suchen, ohne zu drängen. Niemand kann zum Genesen gezwungen werden; sogenannter Recovery-Druck ist kontraproduktiv. Wer da ist, hilft mehr als wer drängt.
Gelebte Erfahrung ist ein ganz persönliches Wissen — ein Erfahrungsschatz, von dem sich lernen lässt, wenn man ihm wertschätzend begegnet. Aktivist:innen des Mad Pride und der Mad Studies zeigen: nicht normal zu sein, in einer normierten Gesellschaft, kann ein Segen sein.
Psychoseerfahrung ist eine Kompetenz. Eine Kompetenz, um zu überleben.
Genesung hat viele Wege
Der Offene Dialog, Psychosen-Psychotherapie, Sport, Ernährung, Kunst und Kultur. Psychopharmaka sind nicht die einzige Antwort. Und niemand muss genesen.
Ich bin Autor und psychoseerfahren. Mein Vater war es vor mir. Mit Anfang zwanzig kam die Diagnose: paranoide Schizophrenie. ICH ist manchmal ein anderer (Goldmann, 2019) erzählt davon — mit lakonischem Humor, von innen.